Faktencheck
Der ganze Aufwand für
1,6 Prozentpunkte.
Die Pfand-Rückgabequote liegt bei 98,5%. Die Verwertungsquote der Gelben Tonne für PET liegt bei 96,9%. Der Unterschied: 1,6 Prozentpunkte. Diese Seite erklärt, was hinter diesen Zahlen steckt — und was sie wirklich bedeuten.
1,6%
Das ist der Unterschied. Nicht 50%. Nicht 20%. Nicht 10%.
98,5%
Pfand-Rückgabequote
GVM, 2023
96,9%
Gelbe Tonne PET-Quote
UBA / GVM, 2023
Aber Moment — messen die überhaupt das Gleiche?
Das ist die erste Frage die man stellen muss. Und die Antwort ist: Nein, nicht ganz. Die 98,5% und die 96,9% messen unterschiedliche Dinge an unterschiedlichen Punkten im Prozess. Das macht den Vergleich sogar noch interessanter als er auf den ersten Blick scheint.
98,5% — Pfand-Rückgabequote
Was gemessen wird: Anteil der verkauften Einweg-Pfandverpackungen, die am Automaten zurückgegeben werden.
Was NICHT gemessen wird: Was danach passiert. "Zurückgegeben" heißt: Die Flasche ist im Automaten. Ob sie danach stofflich recycelt, downgecycelt oder verbrannt wird, sagt diese Zahl nicht aus.
Methodisches Problem: Es gibt keine zentrale Stelle die unabhängig erhebt, wie viele Pfandverpackungen verkauft und zurückgegeben werden. Die 98,5% stammen von der GVM im Auftrag der DPG — also vom System über sich selbst.
96,9% — PET-Verwertung Gelbe Tonne
Was gemessen wird: Anteil des PET-Materials aus der Gelben Tonne, das einer Verwertung zugeführt wird (stofflich oder thermisch).
Warum PET so hoch: PET ist der einfachste Kunststoff für industrielle Sortierung. NIR-Scanner erkennen PET mit extrem hoher Genauigkeit. Deshalb liegt die PET-spezifische Quote bei 96,9%, während die Gesamtkunststoff-Quote bei 68,9% liegt.
Beinhaltet: Sowohl stoffliche Verwertung (tatsächliches Recycling) als auch thermische Verwertung (Verbrennung). Beides zählt als "verwertet".
Was das bedeutet: Die 98,5% messen den Einwurf am Automaten. Die 96,9% messen die industrielle Verwertung. Streng genommen vergleicht man Äpfel mit Birnen — und trotzdem liegen sie nur 1,6 Prozentpunkte auseinander. Würde man für Pfand-PET ebenfalls die tatsächliche Verwertungsquote (nicht nur die Rückgabequote) messen, wäre der Unterschied noch kleiner.
Nach der Sammlung: Beide Wege führen zum selben Ort
Ob eine PET-Flasche vom Pfandautomaten kommt oder aus der Gelben Tonne — ab der Sortieranlage ist der Weg identisch. Das gleiche Schreddern. Das gleiche Waschen. Das gleiche Einschmelzen. Das gleiche Granulat. Der gleiche Recycler.
Das Pfandsystem ändert nichts daran, was mit dem PET nach der Sammlung passiert. Es ändert nur den Weg dorthin. Statt dass ein Müllwagen die Flasche vor Ihrer Tür abholt, fahren Sie selbst zum Supermarkt. Statt dass eine Sortieranlage das PET identifiziert, macht es ein Automat. Das Ergebnis ist das gleiche — der Aufwand nicht.
Die Bottle-to-Bottle-Rate ist identisch
Pfand-PET
~45%
werden wieder zu Flaschen. Der Rest: Fasern, Folien, Verbrennung.
Gelbe-Tonne-PET
~37-45%
werden wieder zu Flaschen. Der Rest: Fasern, Folien, Verbrennung.
Der marginale Unterschied in der Bottle-to-Bottle-Rate entsteht dadurch, dass Pfand-PET tendenziell weniger verunreinigt ist (keine Restflüssigkeiten anderer Verpackungen). Aber selbst dieser Vorteil wird kleiner, je besser die Sortieranlagen werden.
Was kosten 1,6 Prozentpunkte?
Die Frage ist nicht ob das Pfandsystem eine höhere Quote hat. Die Frage ist, ob 1,6 Prozentpunkte Unterschied den folgenden Aufwand rechtfertigen:
1,5 Milliarden Euro Einführungskosten
Automaten, IT-Systeme, Logistik-Infrastruktur, DPG-Gründung — alles bezahlt über höhere Produktpreise durch den Verbraucher.
140.000+ Rücknahmeautomaten
Je ca. 35.000 Euro Anschaffung. 160.000 Euro Gesamtkosten pro Markt über 10 Jahre (Strom, Wartung, Personal, Fläche). Wartungsverträge gehen an TOMRA.
180 Millionen Euro Pfandschlupf pro Jahr
Pfand das Verbraucher bezahlt haben, aber nie zurückbekommen. Fließt als leistungsloser Gewinn an die Getränkehersteller. Kumuliert seit 2003: über 3,5 Milliarden Euro.
Parallele Logistikkette
Separater Transport vom Supermarkt zum Zählzentrum zum Recycler. Zusätzlich zur bestehenden Abfalllogistik. Doppelte Fahrten, doppelter CO2-Ausstoß.
33 Tage Lebenszeit pro Person
Sammeln, sortieren, transportieren, anstehen, einwerfen, Bon abholen. Jede Woche, ein Leben lang. 83 Millionen Menschen.
Hygiene-Probleme in Wohnung und Supermarkt
Klebrige Dosen, Fruchtfliegen, Schimmel bei längerer Lagerung. Offener Abfall in der Küche, klebrige Automaten neben Lebensmitteln im Supermarkt.
"Aber die Gelbe Tonne hat doch nur 68,9%!"
Das ist die häufigste Gegenreaktion. Und sie beruht auf einer Verwechslung. Die 68,9% sind die Verwertungsquote für alle Kunststoffe zusammen — PET, HDPE, PP, PS, Verbundmaterialien, Folien, alles. Das beinhaltet Materialien die schwer oder gar nicht recycelbar sind (Verbundverpackungen, verschmutzte Folien, Kleinstteile).
PET allein — also genau das Material, um das es beim Pfandsystem geht — hat eine deutlich höhere Quote. PET ist der einfachste Kunststoff für industrielle Sortierung. NIR-Scanner erkennen PET mit nahezu 100% Genauigkeit. PET aus der Gelben Tonne wird genauso zuverlässig sortiert wie PET vom Automaten.
Der faire Vergleich ist: PET-Pfand vs. PET-Gelbe-Tonne. Und dieser Vergleich ergibt 1,6 Prozentpunkte Unterschied. Nicht den Unterschied zwischen 98,5% und 68,9% — das wäre so als würde man die Recyclingquote von Alufolie mit der von PET-Flaschen vergleichen.
Der richtige Vergleich
↑ Diese Zahl wird oft fälschlich mit der Pfand-Quote verglichen
Die eigentliche Frage
Rechtfertigen 1,6 Prozentpunkte
diesen Aufwand?
Deutschland betreibt ein komplettes Parallelsystem — mit 140.000+ Automaten, eigener Logistik, eigener Clearing-Organisation, Milliarden-Investitionen und 33 Tagen Lebenszeit pro Bürger — für einen Recycling-Vorteil von 1,6 Prozentpunkten gegenüber dem bestehenden System.
Stellen Sie sich vor, jemand würde Ihnen vorschlagen: "Wir bauen neben der bestehenden Autobahn eine zweite Autobahn. Sie kostet Milliarden, braucht eigene Mautstellen und eigene Raststätten. Dafür kommen Sie 1,6% schneller an." Würden Sie das für sinnvoll halten?
Das Pfandsystem ist diese zweite Autobahn. Eine parallele Infrastruktur für ein Problem, das die bestehende Infrastruktur bereits zu 96,9% löst.
Option A
Gelbe Tonne (existiert bereits)
96,9% PET-Quote. Keine Zusatzkosten. Kein Zeitaufwand. Abholung vor der Haustür.
Option B
Pfandsystem (zusätzlich)
98,5% Quote. 1,5 Mrd. Euro Setup. 180 Mio. Euro/Jahr Pfandschlupf. 33 Tage Lebenszeit. 140.000 Automaten.
Warum niemand darüber redet
Die 98,5% werden ständig zitiert. Die 96,9% fast nie. Und der Unterschied von 1,6 Prozentpunkten wird systematisch verschwiegen — weil er das Kernargument für das Pfandsystem zerstört.
Wer vom Pfandsystem profitiert — TOMRA, DPG, Logistik-Unternehmen — hat kein Interesse daran, dass die öffentliche Debatte diesen Vergleich führt. Solange die 98,5% isoliert stehen und nie mit der Alternative verglichen werden, klingt das System beeindruckend. Erst der Kontext macht die Zahl zum Problem.
1,6 Prozentpunkte. Das ist der Unterschied, für den Deutschland ein Milliarden-System betreibt, 83 Millionen Menschen zu unbezahlten Sortierern macht und jeden Supermarkt in ein Rücknahmezentrum verwandelt.